Rezension Ausstellung Steelcase
Gottfried Müller erstellt seit vielen Jahren erfolgreich Illustrationen für Spiele, Bücher oder Zeitschriften, zeichnet Karikaturen und bebildert Kolumnen der FAZ. Dabei sind Menschen, Tiere oder Gegenstände mal mit präzisem Strich gezogen, dann wieder in stimmungsvolle Farbigkeit getaucht oder comichaft einfach aufskizziert. Mit großer Begeisterung beschäftigt sich der 1968 in Balingen geborene und heute in München lebende Zeichner dabei mit historischen Zeichenstilen und dem Erzählen von Geschichte und Geschichten. Vor allem diese Faszination animierte ihn vor gut zehn Jahren, neben seinen Auftragsarbeiten zwölf Blätter mit „Porträts verlorener Gebäude“ anzufertigen und über die „Schwermut und Abenteuer des Hausbaus“ zu sinnieren.
Beim Blick auf diese Blätter fallen zunächst die mit graubrauner Tusche gezeichneten und von einem mystischen Aquarellschleier umgebenen Gebäude ins
Auge, welche angesichts des zwar offensichtlich alten Papiers wie authentische Zeugnisse aus längst vergangenen Epochen wirken – in Wirklichkeit aber ebenso fiktiv und absurd sind, wie die im Original darunter handschriftlich verfassten Texte. Haben sich die Betrachter erst einmal gelöst vom ersten Eindruck, bei dieser Kombination aus Grafik und Kurzgeschichte handele es sich um die ernst gemeinte Dokumentation eines engagierten Denkmalpflegers, üben die Historien sonderbar gescheiterter Personen und Gebäude eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Einerseits wecken sie Mitgefühl und stiften Verwirrung, andererseits machen sie aber auch neugierig auf mehr Details – gleichsam auf die „ganze Wahrheit“.
Die im Jahr 2000 erstmals in einer Ausstellung präsentierten Blätter stießen in der Öffentlichkeit auf eine unerwartet große Resonanz und wurden schon kurze Zeit später in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht, unter anderem in der renommierten Architekturzeitschrift Bauwelt. Dort wurde Bernd Meyerspeer, Architekturprofessor an der Universität Kaiserslautern, auf Müller aufmerksam und hatte sofort die Idee, die geheimnisvollen Häusergeschichten in einem Entwurfseminar mit Architekturstudenten in reale Modelle umzusetzen, sie gewissermaßen „rückwärts zu bauen“. Gottfried Müller war von dieser Idee sofort begeistert und sagte seine Unterstützung zu.
Durch die 2001 und 2009 an der Universität Kaiserslautern entstandenen Pläne, Skizzen und Modelle – Müller hatte 2007 weitere zwölf Häusergeschichten ersonnen und zu Papier gebracht – wurden die fiktiven Gebäude plötzlich so real, dass selbst Müller staunen musste. Einige Studenten waren in der Ausarbeitung ihrer Entwürfe derart tief versunken, dass sie die spärlichen Vorgaben der Häusergeschichten nicht einfach nur umsetzten, sondern die Geschehnisse opulent weiterspannen und mit Leben füllten. So hatte ein Student bei der Bearbeitung der „Gewürzmühle Ammann“ eine Fachwerkkonstruktion entwickelt, die diesem verschachtelten Gebäude tatsächlich zugrunde liegen könnte, während sich ein Kommilitone so intensiv mit den technischen Gegebenheiten der Mühle auseinandersetzte, dass sie heute 1 : 1 nachgebaut werden könnte.