Es spiegeln sich die Zeichnungen in den Texten und die Texte in den Zeichnungen. Daraus entstehen schimmernde Vexierbilder der in den fiktionalen Gebäuden zu Stein gewordenen Lebens-geschichten. Was einfach gezeichnet und einfach geschrieben erscheint, entpuppt sich als hochkomplex angelegt und meisterhaft auf die Wahrheiten hinter den Wirklichkeiten verweisend. Schrittweise erst, im Wiederlesen und Pendeln zwischen Text und Bild erschließt sich das einzelne Blatt, gleich einer erst allmählich im wieder und wieder Hören erfassten durchkomponierten Fuge.
Im Liegenlassen und Wiederlesen (in Zeiten literarischer Not, sonntagnachmittags) erweisen sich Müllers Geschichten als wahrer Hausschatz. Denn um einen solchen kulturellen Hausschatz (um als Psychiater nicht zu sagen, psychische Hausapotheke) handelt es sich eigentlich.
Der Zeichner Gottfried Müller schuf einen tief im kollektiven Gedächtnis verankerten Hausschatz. Diese so individualistisch anmutenden Lebensgeschichten erfassen und fokussieren, innerer Not gehorchend, immer rechtfertigend und euphemistisch, überindividuelle Wahrheiten. Fragmente des kollektiven Gedächtnisses tauchen, gurgelnden Blasen im Dorfteich gleich, aus den Tiefen der Kindheit, Jugend und der „Man erzählt sich im Dorf“ – Vergangenheitskonstrukte auf.
Mögen sich die unheimlichen Gefühle, die dadurch geweckt werden, als Partygelächter (über den Witz, die Skurrilität und die „Originalität“) auch oberflächlich Ausdruck verschaffen, so findet doch gleichzeitig, weit über den Humor hinaus, Anrührung und Wiedererkennen statt.