GEDANKEN ZU MÜLLERS ERBAUUNGEN
War es bislang Glückssache (bspw. in der schweizer Zeitschrift „du“) auf eines der Kleinodien des Zeichners Gottfried Müller zu stoßen, so liegt nun eine Sammelmappe dieser stupenden Geschichten vor. Wahrhaft erbaulich präsentiert sich jede einzelne dieser Zeichnungen fiktiver Immobilien, versehen jeweils mit einem mindestens ebenso fiktiven Text darunter.
Was aber macht, über die hohe zeichnerische Qualität und den skurrilen Humor hinaus, den seltenen Reiz dieser zeichnerischen und literarischen Pretiosen aus? Was genau bringt diese Diamanten auf Papier (zentaurenhaft halb Zeichnung, halb Text)zum funkeln?
Es sind die überaus dicht und traumwandlerisch sicher gewählten Worte der Texte, die stilsicher und nur scheinbar naiv gesetzt sind, als wären sie mit der Radiernadel geritzt und im Säurebad fixiert worden.
Alles andere als naiv erschließen sich Welten menschlicher Größe und menschlichen Wahns, menschlichen Ringens um ein Quentchen Glück und ein Quentchen Bestand (vor der Ewigkeit). Die Blätter zeigen, wie uns das Leben nahe legen und lehren will, dass dies Ringen aussichtslos sei und Glück und Bestand vielleicht unvereinbar miteinander sind. Aber wer weiß schon vorher, ob das so ausgemacht ist? Was weiß das Leben selbst denn schon von uns?
Psychologisch stimmig und psychiatrisch hoch interessant wie eine sorgfältig erhobene Anamnese offenbart jedes Blatt (ohne je zu entblößen!), um was es eigentlich geht: Die Stürme und Kämpfe des Lebens, einmal so wild und so tragisch wie eine Sturmflut und dann wieder so lethargisch und ruhig wie das Dahinfließen eines großen Stroms.