Wahn und Wirklichkeit - Über Gottfried Müllers Häusergeschichten

Im Jahr 2000 lieferte mir die Post die ersten zwölf Häusergeschichten von Gottfried Müller auf den Redaktionstisch. Waren sie damals tatsächlich in braunes Packpapier eingewickelt und mit Wachsschnur verzurrt oder habe ich die Erinnerung an die Verpackung nachträglich dem Inhalt angepasst? Zugegeben: Es hatte damals ein wenig gedauert, bis ich Müllers Mimikry als solche begriff. Seine sepiafarben kolorierten Federzeichnungen auf - wie ich später erfuhr - antiquarischen Papieren, seine nüchternen und kenntnisreichen Texte, die sich als Handschrift an einer Bleistiftlinierung entlang hangelten - all das hatte mich im ersten Moment an das Werk eines außer Kontrolle geratenen Ortsheimatspflegers glauben lassen. Man bekommt ja so einiges unterbreitet.

Gottfried Müllers Häusergeschichten sind bizarr, aber sie sind keineswegs Phantasterei. Jede von ihnen könnte sich genau so zugetragen haben, wie er sie aufgeschrieben hat. Ihre Tragikomik wird von einer inneren Logik regiert, das betrifft sowohl die oft fanatischen Handlungen der beteiligten Figuren, als auch die dargestellte Konstruktion der jeweiligen Bauten. Meist bildet dabei unsere wissenschaftlich verbriefte Baugeschichte die Grundierung, vor der sich die merkwürdigsten Episoden abgespielt haben; indem sie historisch "einbettbar" sind, bleiben Müllers Geschichten glaubhaft und zeitlos.

Wer einmal einen Immobilienauktionskatalog in die Hand genommen hat, weiß, was da draußen für Bauten auf uns warten: die Wohnscheune mit morbider Dunglege, das Schlösschen aus dreizehn winzigen Wohnungen (unbeheizt), die Hundezwingeranlage auf Tiefbunker mit Elbtal-Aussicht oder ähnliches. Die dazugehörigen Schnappschüsse werden durch eine knappe, seriös gemeinte Maklerprosa auf die Spitze getrieben. Oft genug habe ich solche Kaufangebote als Produkte Müller'scher Prägung aufgefasst, als Gedankenkonstruktionen, die Realität geworden sind - und die man sogar besichtigen kann! Und dann stehen wir zum Beispiel vor einem Giebel, dessen Kratzputz nur bis zur Hälfte gereicht hat. Ist der Bauherr das Opfer seiner absurden Kellertreppe geworden? Stritt er sich mit dem Architekten und ist eingearbeitet worden? Ist das da an der Wand überhaupt Mörtel? Ist es überhaupt eine Wand? Von den Häusergeschichten eingestimmt, stellen sich lauter Fragen an das vermeintlich Selbstverständliche. Und sie gehen über das Anekdotische weit hinaus. Sie verleiten uns dazu, Gebautes nicht länger als Artefakt zu betrachten, sondern als "Sichtbarmachung" von zahllosen Konflikten, innerer wie äußerer. Was ist ein Haus denn anderes, als eine Skulptur, gemeißelt aus den Wünschen, Ängsten, Zwängen, Neurosen und dem Wahnsinn seines Bauherrn?